Projektkommission Wissenschaftsgeschichte des Herder-Forschungsrats
Ziele und Aufgaben der Projektkommission
Im Jahr 2025 beging der Johann Gottfried Herder-Forschungsrat sein 75-jähriges Jubiläum: Die Gesellschaft wurde 1950 als akademieähnliche Vereinigung mit dem Ziel gegründet, die ehemals deutschen und deutsch besiedelten Gebiete im östlichen Europa zu erforschen. Entsprechend der regionalen Herkunft und der Forschungsinteressen seiner Gründungsmitglieder war der HFR von Beginn an interdisziplinär ausgerichtet. Zugleich bedeutete die Gründung jedoch eine Kontinuität in wissenschaftspolitscher Hinsicht, die an Institutionen und von völkischer Ideologie geprägten Paradigmen der „deutschen Ostforschung“ im Nationalsozialismus anknüpfte. Zudem waren Mitglieder des Forschungsrats in der NS-Kultur- und Wissenschaftsverwaltung tätig gewesen waren.
Insofern hing der HFR in seinen ersten Jahrzehnten deutlich noch dem Deutschtumsparadigma an. Eine Abkehr von der Ostforschung zu einem auf Internationalisierung und transnationalen Perspektiven angelegten Wissenschaftsverständnis setzte erst allmählich in den 1970er-Jahren ein. Eine grundlegende Aufarbeitung von den Folgen und Kontinuitäten völkischer Ideologien und der Tätigkeit von Wissenschaftlern im NS-Regime steht jedoch bis heute aus.
Die gemeinsame Tagung von Herder-Institut und HFR „Ostmitteleuropa-Forschung im Fokus: Rückblicke – Ausblicke – Umbrüche“ (Juni 2025) zeigte das große Potenzial dieses wissenschaftshistorischen Ansatzes auf. Dem will diese Projektkommission Rechnung tragen und die Forschung für und in den fünf Fachkommissionen des HFR anregen, analog der jeweiligen disziplinären Wissenschaftsgeschichte und dem aktuellen Forschungsstand in Bezug auf NS-Geschichte sowie deren Kontinuitäten in Ansätzen und Methoden.
Dabei sollen die Nachlässe im Herder-Institut (DSHI 200 HFR/HI) die Quellengrundlage bilden, ergänzt durch die zeitgenössische Forschungsliteratur der jeweiligen Fächer. Dieser Ansatz lässt Einblicke in Netzwerke und Denkkollektive, Abgrenzungen und Legitimationsstrategien sowie die Definition von Tradierungen bzw. Brüchen in Bezug auf Argumentationslinien erwarten.
Die Aufarbeitung dieses umfangreichen Komplexes der Wissenschaftsgeschichte soll zentral über den Vorstand des HFR koordiniert werden.